Landesschulrat in Sachsen (Juni bis November 1990)
von Prof. Dr.-Ing. habil. Klaus Husemann, Freiberg
Weil auch in der Umbruchszeit 1990 der Schulbetrieb kontinuierlich weitergehen musste, beschloss die de Maiziere-Regierung im Mai 1990 die Bildung von vorläufigen Schulaufsichtsbehörden in den zukünftigen neuen Bundesländern. Im Juni 1990 wurde ich zum Landesschulrat in Sachsen und damit zum Chef der o.g. Behörde berufen. Da es ja Sachsen als Bundesland noch gar nicht gab, bin ich auch so etwas wie der erste institutionalisierte sächsische Embryo gewesen. Auf alle Fälle wurde ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Aufbereitung Freiberg der AdW der DDR quasi über Nacht Dienstherr über alle Schulbehörden auf Bezirks- und Kreisebene (Lehrer, Hortner und Kindergärtner(innen)) in den Bezirken Karl-Marx-Stadt, Leipzig und Dresden. Das waren fast 100.000 Personen.
Nach meiner Berufung wählte ich nach Absprache Dresden als Dienstort – genauer den Rat des Bezirkes (heute Staatskanzlei). Die Landesschulbehörde bestand im engeren Sinne außer mir nur noch aus 2 von mir ausgewählten Stellvertretern und einem weiteren Mitarbeiter (alles erfahrene Lehrer), einem vom baden-württembergischen Kultusministerium "ausgeliehenen" Juristen, einer Sekretärin und einem Fahrer für meinen Dienstwagen. Ich bin insgesamt fast 3 Jahre täglich von Freiberg nach Dresden und zurück gefahren worden (erst als Landesschulrat, dann als Staatssekretär).
Die Zahl der Aufgaben und demzufolge das Arbeitspensum war sehr groß. Auf alle Fälle wurde vieles angepackt. Als Beispiele seien genannt:
- Vorbereitung des neuen Schuljahres 1990/1991
- Beschaffung neuer Schulbücher (fast komplett für die Klassen 1 und 2)
- Entlassung aller Bezirks- und Kreisschulräte und fast aller Schuldirektoren
- Auf der Grundlage der Voten von Schulkonferenzen, Lehrer- und Elternvertretern sowie der neu gewählten Bürgermeister Berufung von Schulleitern und Leitern von Schulbehörden. Dass dabei von Seiten der Landesschulbehörde mitunter auf den festlichen Rahmen einer Berufung verzichtet werden musste, ist nicht überall verstanden worden, war aber der Aufgabenfülle geschuldet.
- Untersuchung und Entscheidung vieler Einzelfälle von Lehrern und Behördenmitarbeitern betreffs ihrer Weiterbeschäftigung u.ä.
- Erfassung aller Lehrer, die bis dahin z.B. in den SED-Bezirks-und Kreisleitungen beschäftigt waren und die Dank der Modrow-Regierung in aller Stille im Frühjahr 1990 wieder in den Schuldienst zurückkehren konnten (etwa 10.000)
- 1. Entwurf eines zukünftigen Schulgesetzes für Sachsen, das den bestehenden Schulstrukturen in Deutschland angepasst werden musste. Dabei wurde – um nur einige Beispiele zu nennen – an Gymnasien trotz der geforderten gymnasialen Oberstufe am 12- jährigen Abitur festgehalten, was damals auf stärksten Widerstand stieß und z.T. erst heute in den alten Bundesländern eingeführt wird. Einführung von Berufsgymnasien zur Erlangung des Abiturs nach einem Mittelschulabschluss in insgesamt 13 Jahren. Einführung des Ethik- und Religionsunterrichts. Das war zwar vom Grundgesetz vorgeschrieben, wurde aber von Teilen z.B. der evangelischen Pfarrerschaft nicht gerade begrüßt- um es einmal freundlich zu formulieren. Abschluss der Grundschule nach 4 Jahren, keine Gesamtschulen usw.
- Erarbeitung der Struktur aller Schulbehörden einschließlich des Ministeriums und z.T. schon Besetzung von Leitungsfunktionen.
Dass einige der angepackten Aufgaben und deren Lösung nur provisorischen Charakter haben konnten, versteht sich.
Wie gesagt, das passierte alles bis November 1990, d.h. bevor die sächsische Staatsregierung ihre Arbeit aufnahm. Und natürlich betraf das auch den Raum Freiberg und Mittelsachsen. Das alles wäre ohne die damalige Aufbruchsstimmung, unter den heutigen bürokratischen Verhältnissen und ohne die Mitarbeit Vieler und heute Vergessener nicht möglich gewesen. Dazu gehört auch die fantastische Unterstützung durch das Kultusministerium in Baden-Württemberg. Sehr hilfreich war auch die Zusammenarbeit mit der gemischten Kommission Baden-Württemberg/Sachsen und dem Aufbaustab für die Bildung des Landes Sachsen (beiden Gremien gehörte ich als Zuständiger für das Politikfeld Schule, Jugend, Sport an).